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2 | Kontinent der Erziehung

2.4 Die Rolle als Vorbild

Lesezeit: ca. 14 Minuten
Überblick
Wie die Eltern sind, wie sie durch ihr bloßes Dasein auf uns wirken – das entscheidet. Theodor Fontane

Für Kinder sind ihre Eltern große Helden mit unbeschreiblichen Fähigkeiten. Was Mama und Papa schon alles können, ist für Kinder meist unfassbar. Die Aufmerksamkeit, die sie ihren Eltern entgegenbringen, ist ein Bestandteil davon, wie sie ihre Umwelt kennenlernen. Die Nachahmungsfreude, die Lust am gemeinsamen Imitieren ist in den ersten Lebensjahren nicht zu übersehen. Mit voller Begeisterung betrachten Kinder ihre Eltern und geben ihr Bestes darin, genauso zu stehen und zu reden wie die Großen um sie herum.

In erster Linie lernen Kinder ihre ersten Regeln und Werte durch das Beobachten und Nachahmen ihnen nahestehender Personen. Dass dies kein Zufall ist, sondern in unserer Art als Mensch verankert, ist Teil dieser Erkenntnisreise. Seit vielen Generationen geben Eltern an ihre Kinder weiter, was sie selbst bereits erfahren haben. Viele Kindergeschichten senden auf anschauliche Weise Botschaften darüber, was im Leben zählt und was nicht. Was ist ausschlaggebend für ein zufriedenes Leben? Wie lösen wir Konflikte und wie kommunizieren wir, wenn uns etwas nicht gefällt oder Sorgen bereitet? Dies alles hat Vorbildcharakter und formt Kinder auf ihrer Reise zum Selbst. Aber Kinder lernen nicht nur auf den klassischen Wegen wie der Nachahmung der Sprache oder dem Umgang mit Konflikten. Oft ahmen Kinder auch die Strategien ihrer Eltern zum Umgang mit Stress oder die Leidenschaft für die Natur und für Tiere begeistert nach und erleben sie so mit. Ob kopierend oder kooperierend, die Handlungsabläufe, die Kinder erleben, ob als Ritual oder Tradition, erhalten ebenso eine Vorbildfunktion.

Das elterliche Vorbild für Kinder

Das Vorbild handelt in erster Linie in einer Art, die Kinder begeistert, ihnen Geborgenheit und Orientierung schenkt. Orientierung zu bieten, heißt auch moralische Werte mitzugeben. Kinder sind in ihrer Entwicklung gerade erst dabei, Erfahrungen zu sammeln. Daher brauchen sie oft Anleitung und Hilfestellung und suchen ihren Mittelweg zwischen Selbständigkeit und Zugehörigkeit. Welche Moralvorstellungen Eltern ihren Kindern mitgeben, entscheidet sich also nicht nur durch das, was sie sagen, sondern vor allem durch das, was sie ihren Kindern vorleben.

Umfrage

Aus dem Leben vieler Kinder und Jugendlicher sind prominente Lieblinge wie Popstars, Supermodels und Filmhelden scheinbar kaum wegzudenken. Als wichtige Vorbilder sieht der Großteil von ihnen die Stars und Sternchen aber trotzdem nicht.

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Diese Statistik zeigt das Ergebnis einer Umfrage von TNS Emnid im Auftrag von chrismon zum Vorbild in der Kindheit bzw. Jugend. Im Jahr 2013 gaben rund 30 Prozent der Befragten an, dass in ihrer Kindheit und Jugend am ehesten ihre Mutter ein Vorbild für sie war.

praxisbeispiel

Mira, 5 Jahre alt, wird ungewollte Teilnehmerin einer Auseinandersetzung zwischen Mama und Papa. Die Stimmung innerhalb der Familie ist angespannt, auch wenn Mira nicht genau weiß weshalb, spürt sie den veränderten Umgangston deutlich und weiß, dass das nichts Gutes heißt. Es geht um den anstehenden Urlaub. Miras Vater möchte die weite Strecke nicht selbst fahren, ihre Mutter besteht darauf. Der Streit eskaliert. Was nun geschieht, ist Folgendes:

Beide beharren auf ihrem Recht, aber sobald es lauter wird und die Auseinandersetzung emotionaler, halten sie ein. Sie setzen sich, atmen aus und verhandeln neu. Beide entschuldigen sich. Normalerweise kommt eine solche Gesprächsatmosphäre nicht vor, wenn Mira im Raum ist. Mira erlebt diese Situation ganz bewusst, wenn auch etwas verängstigt. Sie erlebt jedoch auch die Konfliktlösung und, wie man zu ihr gelangt. Dies alles versucht sie sich nicht bewusst zu merken, doch wie sich ihre Eltern verhalten und wie sie an ihr Ziel gelangen, beobachtet sie genau.

Sie lernt zwei Dinge kennen, ein hochkochendes emotionales Klima, aber auch die ruhige und gelassene Suche nach einer Konfliktlösung. Die meisten Eltern finden sich, trotz aller Mühe, irgendwann einmal in einer Diskussion vor ihrem Kind wieder. Kinder lernen so nicht nur, wie ihre Eltern Konflikte austragen, sondern auch, wie sie gelöst werden. Sie erleben in der Familie, dass auch ihre Eltern eigene Wünsche und Vorstellungen haben. Für Kinder ist es wichtig, dass ihre Eltern versuchen, solche Diskussionen zurückzustellen, falls sie tatsächliches Konfliktpotenzial in sich tragen. Doch mit zunehmendem Alter wird es oft schwierig, zu verhindern, dass das eigene Kind hört, was gesprochen wird. Dann ist es wichtig, dass sich die Eltern selbst bewusst machen, dass man mit einer positiven Lösungsgestaltung Vorbild sein kann, auch wenn es einmal hitzig wird.

Zuneigung und Aufmerksamkeit

Die Erfahrungen der ersten Kindheitsjahre bilden das Fundament vieler späterer Erwartungen, Einstellungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die ein Kind entwickelt. Das heißt, dass sie Schlüsse aus den Werten ziehen, die ihre Eltern vorleben, und mit diesen Werten die ersten Schritte gehen. Im Kindergarten nehmen sie vermehrt Eindrücke auf, doch das elterliche Vorbild bleibt in seiner Wirkung auf das Kind prägend. Zuneigung und Aufmerksamkeit zu schenken, ist ebenso Teil der Vorbildfunktion. Der Grund dahinter ist einfach: Bekommen Kinder von ihren Eltern nicht genügend Nähe und Beachtung, fordern sie diese ein. Nicht immer geschieht das dann auf sprachlicher Ebene.„Wenn meine Eltern sich nicht mit mir beschäftigen wollen, mir keine Aufmerksamkeit und Nähe schenken, dann suche ich sie mir, egal wie.“ Kindern reicht unter Umständen negative Aufmerksamkeit, wenn sie keine geregelte Nähe erfahren. Dies zeigen sie dann durch Verhaltensauffälligkeiten, was häufig falsch gedeutet wird und zu Konflikten innerhalb der Familie führen kann. Kinder brauchen von ihren Eltern Aufmerksamkeit, keine übervorsogliche Dauerbeobachtung, sondern eher eine fürsorgliche Begleitung. Ihr Wunsch, ein Teil der Gemeinschaft zu sein, zeigt die Bedeutung von Zugehörigkeit.

Die Welt von Kindern bekommt durch Beobachtung Farbe und Form

Kinder erschließen sich ihre Umwelt auf vielfältige Art und Weise. Sowohl Lernen durch Neugierde, Erkunden und Spielen als auch durch Versuch und Irrtum sind höhere Lernformen. Doch auch Beobachtung und Imitation setzen im kindlichen Gehirn Lernprozesse in Gang. Durch die Übernahme dessen, was Kinder hören und sehen, erleben und erkennen, erhalten Handlungen ebenfalls Lerncharakter.

Erfolg bedeutet für Kinder –beispielsweise, Milch selbständig in ein Glas zu füllen oder auf eine bestimmte Art und Weise die Aufmerksamkeit eines Erwachsenen auf sich zu ziehen. Bisher nahm man an, dass Kinder das Verhalten von Erwachsenen in den meisten Fällen exakt kopieren und sich so auch komplexe Verhaltensweisen aneignen, die sie in ihrer Umwelt erleben. Forschungen des Max-Planck-Instituts für psychologische Forschung ergaben, dass selbst Säuglinge nicht einfach nur Verhalten nachahmen, sondern damit auch ein Ziel verfolgen. Während der Säugling eine noch sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne besitzt, entwickeln Kleinkinder nach und nach die Fähigkeit, ihre Aufmerksamkeit zu lenken und ihre Mitmenschen vielfältiger wahrzunehmen und dementsprechend nachzuahmen. Ausgehend von den Verhaltensweisen, die Kinder bei Eltern und Geschwistern, Großeltern oder Freunden erleben, entwickeln sie Reaktionen auf die unterschiedlichen Alltagssituationen, die ihnen begegnen. Zwar ahmen Kinder ihre Eltern oder Geschwister nach, doch nicht immer spiegeln sie deren Verhalten. Manchmal ist ihre Reaktion auf das, was sie erleben, eine spiegelverkehrte Nachahmung:

Nachahmungsfreude: eine angeborene Bereitschaft

Franziska, die Mutter der kleinen Antonia, war immer bestrebt, nicht zu oft den moralischen Zeigefinger zu heben. Nun allerdings bemerkt sie, dass ihre kleine, süße vierjährige Tochter genau das tut. „Mama, man darf nicht schimpfen, nein nein“, sagt sie und hebt ihren Zeigefinger genau so in die Luft, wie sie es bei ihrer Mutter gesehen hat. Auch die Art und Weise, wie Philip „Sapperlot noch mal“ von sich gibt, ist die seines Vaters in vergleichbaren Situationen. Kindern schadet es in ihrer Entwicklung nicht, wenn sie sich hier und da etwas aneignen, das aus Sicht der Erwachsenen nicht in die Kindheit passt. Einmal im Kindergarten, vermehren sich durch Beobachtung übernommene Verhaltensweisen rasant. Dann fallen Worte, die niemand gerne aus Kindermündern hört, oder die Eltern bemerken kleine Verhaltensänderungen. Dies gehört zur kindlichen Entwicklung, und sicher haben sich die meisten Eltern in ihrer eigenen Kindheit ähnlich verhalten. Es zeigt die Bereitschaft eines Kindes, sich in die Welt einzufügen, die ihnen begegnet. Ob absichtlich oder nicht, Kinder sind sehr genaue Beobachter. Was so grundlegend und normal erscheint, ist eine Meisterleistung des Kindes und mit einem ungeheuren Willen verbunden. Kinder sind intensive Beobachter, wenn es darum geht, sich anzueignen, was ihre Mitmenschen schon können. Beobachtungslernen ist in dieser Lebensphase nur schwer als bewusster Akt vorstellbar. Ein Kind lernt nicht nach dem Prinzip der bewussten Aufmerksamkeitslenkung. Lernen ist für Kinder kein abstrakter Begriff. Kinder lernen, wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind, wie etwa Sicherheit und Geborgenheit. Fühlen Kinder sich wohl und zu einer Person hingezogen, werden sie mit besonderem Scharfblick beobachten, wie diese Person ihre Ziele erreicht und davon lernen. Kinder haben keinen Unterricht in den Fächern „Verhaltenstraining“, „Konfliktlösung“ oder „Grammatik“, und dennoch lernen sie , sich die Sprache zu erschließen und sich in Konflikten zu verhalten. Es muss also einen anderen Weg geben, auf dem sie aus dieser Vielfalt an Erfahrungen lernen.

Stefanie-Haag
Expertentipp
Stefanie Haag

Erzieherin

Erzähle es mir – und ich werde es vergessen. Zeige es mir – und ich werde mich erinnern. Lass es mich tun – und ich werde es behalten.

Lernen am Modell nach Albert Bandura

Die Nachahmungsfreude ist im Kind als Wesenszug verankert. Wie auch viele weitere Lebewesen hat der Mensch im Kindesalter große Freude daran, durch aufmerksames Beobachten Verhaltensweisen von Mutter und Vater nachzuahmen und sie dadurch zu übernehmen. Ob dies kleine Tanzbewegungen sind, die Kinder mit großer Begeisterung nachmachen und dabei versuchen, ihren Körper genauso zum Rhythmus zu bewegen wie ihre Eltern, oder das Lächeln, das Kinder ihren Eltern schenken, das einlädt dazu, selbst zu lachen. Bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten zeigen sich ihre Nachahmungsfreude und ihr großes Interesse für das, was ihre Eltern tun. Nehmen Kinder wahr, dass sie ihre Eltern mit ihrer Nachahmung begeistern, ist dies ein doppelter Lerneffekt. Zum einen durch das Beobachten, Verinnerlichen und Anwenden, zum anderen durch die positive Bestätigung durch die Eltern.

Einer dieser Lernwege wurde beschrieben von Albert Bandura, einem der führenden Psychologen des 20 Jahrhunderts. Er entwickelte ein Modell, das erklärte, unter welchen Bedingungen Menschen von anderen Menschen lernen. Das sogenannte „Modelllernen“, auch bekannt als „Lernen am Modell“ oder als „Sozial-kognitive Lerntheorie“, beschreibt, wie Verhaltensweisen durch Beobachtung und Nachahmung erworben werden. Kinder lernen nicht nur durch Konsequenzen ihres eigenen Verhaltens, das von Seiten der Eltern korrigiert wird, sondern auch durch Beobachtung. Kinder erschaffen also nicht jedes Verhalten und jede Strategie im sozialen Umgang selbst, sondern kopieren, was sich als erfolgreich herausgestellt hat. Dadurch werden Erfahrungen und Fertigkeiten von den Eltern an die Kinder weitergegeben. Doch nicht nur von den Eltern lernen Kinder durch Nachahmung, sondern auch von Freunden, Gleichaltrigen oder nahen Bezugspersonen. Doch dafür müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, niemand lernt gerne von jemandem, den er nicht mag.

Bedingungen dafür, dass Kinder vom Modell lernen:

Beim Modelllernen wird allein durch die Beobachtung im Kind selbst etwas ausgelöst. Beobachtungen führen im Gehirn zu einer Art nachempfinden, wie viele Studien bereits bestätigen konnten. So kann man sagen, dass die alleinige Beobachtung einer Handlung beim Kind selbst einen Lernprozess einleitet. Solche Beobachtungen stellen sich meist in Alltagssituationen ganz unterschiedlicher Natur ein.

Dennoch müssen und können Eltern nicht immer perfekte und tadellose Vorbilder sein. Kinder lernen auch, dass der Mensch nicht perfekt ist und Fehler macht. Alles andere würde der Wirklichkeit auch nicht gerecht werden. Viel wichtiger als die Angst vor Fehlern ist, dass sich das Vorbild traut zu verzeihen, auch sich selbst. Folgendes ist wichtig zu verstehen:

Kinder haben eigene und unterschiedliche Temperamente auf dem Weg zu individuellen Persönlichkeiten. Wer stets versucht, sich selbst in einem dem Kind angepassten Licht zu zeigen, büßt oft einen Teil der eigenen authentischen Haltung ein, die auch wichtig für Kinder ist. Man muss sich vielmehr darüber im Klaren sein, dass Kinder durch das Beobachten verschiedenster Verhaltensformen lernen, nicht nur der ihrer Eltern. So ist es auch wichtig zu erkennen, dass man als Träger der Vorbildrolle keine Schuldgefühle haben muss, wenn das Kind einmal ein Verhalten zeigt, das einem nicht gefällt.

Fakt aus der Forschung

Nicht nur eigene Handlungen und selbstbestimmte Erfahrungen fördern die kindliche Gehirnentwicklung. Neueste Forschungen zeigen, dass bereits die Wahrnehmung von Bewegungen spezifische Gehirnzellen der motorischen und sensomotorischen Rindenareale stimuliert und aktiviert. Das heißt, wenn Kinder etwas beobachten, gehen in ihrem Gehirn Prozesse vonstatten, die dieselben Hirnregionen ansprechen, wie wenn sie die entsprechende Handlung selbst ausgeführt hätten. Eine vorgeführte Bewegung aktiviert dieselben motorischen Netzwerke wie wenn die Kinder diese Bewegung selbst ausführten.

Aneignung und Ausführung

Innerhalb der Theorie des Modelllernens gibt es zwei Phasen. Wer neugierig geworden ist, findet in den folgenden Aufklapptexten eine kleine Erläuterung dazu.

Kinder beobachten ein Modell und seine Verhaltensweisen. Was sie sehen, muss nicht direkt wiedergegeben werden. Oft ahmen sie das beobachtete Verhalten erst nach einem längeren Zeitraum nach. Versprechen sich Kinder einen positiven Nutzen von dem, was sie sehen, bleibt das beobachtete Verhalten im Gedächtnis gespeichert.

Zu Beginn jeder Ausführung eines Verhaltens steht die Aufgabe, es zu wiederholen (motorische Reproduktion beispielsweise einer Bewegung). Mit fortgeschrittenen motorischen Fähigkeiten verstärkt sich die Nachahmungsfreude. Durch Wiederholung, Übung und anschließende Korrektur wird eine genaue Abbildung des gewünschten Verhaltens erreicht. In der Motivationsphase wird das erlernte Verhalten gezeigt, sofern das Kind eine positive Konsequenz davon erwartet. Es muss also eine Motivation vorhanden sein. Das Kind lernt also, ein Verhalten zu zeigen, wenn es sich einen Nutzen davon verspricht.

Denkanstoß:

Singen Sie Ihrem Kind jede Nacht ein Schlaflied vor, und Sie können davon ausgehen, dass es bald versuchen wird mitzusingen und seine eignen Tönchen hinzufügt. Spielen Sie gemeinsam mit einem Instrument, können Sie sehen, wie Ihr Kind versucht, Ihre Bewegungen nachzuahmen. Beginnen Sie zu tanzen, können Sie beobachten, wie Ihr Kind versucht, Sie zu imitieren. Doch es geht auch in die andere Richtung. Erlebt Ihr Kind, wie Sie dauerhaft gereizt reagieren, muss es nicht lange dauern, bis ihr Kind genauso reagiert – oder ein komplett gegenteiliges, zurückgezogenes Verhalten zeigt. Je jünger Ihr Kind ist, desto stärker spiegeln sich verschiedene Alltagssituationen wider. Es ist also sinnvoll, das eigene Verhalten zu reflektieren, um die positiven und negativen Verhaltensweisen ins Gleichgewicht zu bringen. Zwar werden fremde Einflüsse Ihr Kind mit zunehmendem Alter mitformen, doch die ersten Beobachtungen macht es bei den großen Helden im Elternhaus. Genau deswegen behandelt dieser Themenbereich entscheidende Fragen. Denn wenn Kinder nicht erleben, was von ihnen verlangt wird, können sie sich oft nicht vorstellen, was ihre Eltern von ihnen verlangen.

„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“

Sehen Ihre Kinder Sie niemals einen Apfel essen, werden Sie Ihnen nicht erklären können, wie gut ein Apfel schmeckt. Sie könnten zwar sagen „Iss doch mal einen Apfel“, doch viel entscheidender –ist, wie Sie innerhalb ihrer Familie generell mit Obst und Gemüse umgehen. Eine authentische Haltung ist auch deshalb eine wichtige Orientierungshilfe für Kinder.

Wir wollen dies an einem einfachen Beispiel beleuchten:

Praxisbeispiel

Der kleine Leon (3 Jahre) und die etwas ältere Marie (5 Jahre) sitzen gemeinsam mit Mama und Papa am Esstisch. Sie sind zu Besuch bei den Großeltern, und eines gibt es dort immer: gutes Essen. Eine Regel ist klar definiert: keine Süßigkeiten direkt nach dem Essen. Auch Oma und Opa wissen das. Das Essen wird serviert und findet nach einer genussvollen Mahlzeit sein Ende. Marie und Leon beschäftigen sich derweil im Wohnzimmer mit den Spielsachen, die die Großeltern immer bereithalten, wenn die Enkel zu Besuch sind. In der Zwischenzeit serviert Oma einen leckeren Kuchen, und Kaffee gibt es auch noch dazu. Marie ist durstig, läuft zum Kühlschrank und sieht, wie Mama und Papa einen Kuchen vor sich liegen haben. Sie lässt es sich anmerken und sagt: „Wieso dürft ihr Süßes essen? Ich will auch!“
Wer nicht vorlebt, kann nur schwer vorgeben. Die Süßigkeiten-Regel hat ihre erste authentische Wirkung verloren.

Die Mühe, die Sie sich machen, wenn Sie mit langen Vorträgen, durch Ermahnungen und Kritik etwas am Verhalten Ihres Kindes ändern wollen, müssen Sie durch eine Prüfung Ihres eigenen Verhaltens tragen. Das Wichtigste ist nicht, was Sie Ihrem Kind vorschreiben, sondern wie Sie es ihrem Kind vorleben.

Was man sagt und wie man damit umgeht oder: handeln statt reden

Das Verhalten, die Rituale und Ordnungen innerhalb einer Familie hinterlassen einen starken Eindruck in der Erlebniswelt eines Kindes. Die Dinge, die Sie zusammen erledigen, sind ein Nährboden für das kindliche Verständnis. Dabei hat die Haltung, die Sie gegenüber den alltäglichen Gegebenheiten einnehmen, für Ihr Kind Vorbildcharakter. Sich entsprechend zu verhalten, ist nicht immer leicht. Viel eher wollen wir uns mit den eigenen, oft unbewussten Handlungen beschäftigen. Denn hieraus ergibt sich ein wichtiger Grundsatz:

Da man die eigenen Handlungen meist unbewusst vollführt und sich das von heute auf morgen nur schwer ändern lässt, dreht es sich alles darum, dass das „Was“ und das „Wie“ übereinstimmen. Anders ausgedrückt: Was Sie sagen, verlangen oder vorgeben, sollten Sie auch vorleben. Zwar ist es wichtig, was man sagt, und dass man miteinander über das Erlebte spricht. Doch werden Sie von Ihrem Kind hauptsächlich daran gemessen, wie Sie das, was gesagt wird, vorleben. Mit voller Leidenschaft ahmen Kinder Redewendungen nach, imitieren Geräusche und saugen das Gesehene und Gehörte sprichwörtlich mit Haut und Haaren auf. Dabei haben Sie keine Macht darüber, was sich ihr Kind aneignet oder nicht, auch bei Geschwistern kann das ganz unterschiedlich sein – doch sicher ist, dass Kinder am Vorbild lernen.

Handeln statt reden

Ihr Kind war nicht ganz ehrlich und hat sich mit einer Notlüge aus der Patsche helfen wollen. Sie bemerken die kleine Notlüge und reagieren: „Du darfst nicht lügen, das weißt du“. Damit teilen Sie Ihrem Kind mit, was man nicht tun sollte. Dies lernen Kinder sehr schnell und beginnen auch früh damit, andere Kinder zu ermahnen: „Man darf nicht lügen“, hört man nicht selten, wenn Kinder miteinander spielen. Viel wichtiger als das „Was“, ist jedoch das „Wie“.
Dürfen Sie dann ehrlich sein oder gibt es dann nur noch mehr Ärger? Sind Sie selbst immer ehrlich? Kinder werden sich eher daran orientieren, wie wir handeln, als daran, was wir sagen. Sie sind in den ersten Lebensjahren zu großen Teilen Handlungsorientiert.

Denkanstoß:

Ihr Kind lernt durch Ihr Vorleben, daher kann das eigene „Vormachen“ Ungereimtheiten manchmal besser bereinigen als es jede erzieherische Maßnahme verhindern könnte. Oft ist das Verhalten des eigenen Kindes der Spiegel von einem selbst. Die Vorwegnahme mancher Verhaltensweisen durch die eigene Reflexion kann Wunder bewirken. Beantworten Sie sich die oben aufgestellten Fragen, dann werden Sie merken, dass vieles von dem, was Sie in Ihrem Kind sehen, der Spiegel Ihres Selbst ist. Der Grundstock für viele Verhaltensmuster Ihres Kindes, für Neigungen und Abneigungen, Meinungen und Ansichten wird in den ersten Lebensjahren im Elternhaus gelegt – zum Teil bewusst, zum Teil unbewusst. Werte wie Toleranz, Ehrlichkeit oder Genügsamkeit finden ihre ersten Vorbilder in den Eltern. So lernen Kinder von uns moralische Werte, ein Gefühl für das Wichtige im Leben, die ersten Erkenntnisse über Problemlösungen und den Umgang mit Emotionen. Insgesamt sind es viele kleine Teilbereiche, die wir zusammengefasst als die Summe der Erfahrungen bezeichnen können, die die kindliche Entwicklung zu einem Teil mitgestalten. Weil Kinder zwar hören, was Sie sagen, doch viel mehr davon lernen, wie Sie als Bezugspersonen selbst handeln, ist es wichtig beides zusammenzuführen: Vorleben kommt vor dem Vorgeben.

Erwünschtes Verhalten der Kinder Tatsächliches Verhalten der Vorbilder
Schau nicht so viel fern!
Fernseher läuft den ganzen Tag.
Sprich nicht so mit mir!
Benutzen selbst Schimpfwörter.
Kinder sollen wenig Süßigkeiten essen
Im Einkaufswagen liegen viele Süßigkeiten
Kinder sollen Konflikte lösen.
Erwachsene erschaffen Konflikte ohne Lösungen.

Fazit

Nachahmung gehört zu den mächtigsten Antrieben für Lern- und Bildungsprozesse. Es liegt auf der Hand, dass Kinder sich besonders dann Verhaltensweisen, Kompetenzen und Einstellungen zueigen machen, wenn ihnen diese von Personen vorgelebt werden, mit denen sie sich emotional verbunden fühlen, mit denen sie sich identifizieren. Und ebenso liegt – unter dem Aspekt der Professionalität – auf der Hand: Vorbildsein setzt ebenso wie Bindungsperson-Sein voraus, dass die Eltern sich selbst beobachten und sich selbst erziehen. Die Art und Weise, wie Erwachsene füreinander und für Kinder Verantwortung wahrnehmen – beispielsweise durch Feinfühligkeit, Respekt und Anerkennung, in der Vereinbarung von Regeln des Gemeinschaftslebens, im Umgang mit Regelverletzungen, in der Bearbeitung von Konflikten – kann für Kinder zum Modell für das eigene Handeln werden.

Birgit-Heck-Schatten
Expertentipp
Birgit Heck-Schatten

Psychologische Beraterin, Heilpraktikerin für Psychotherapie

Erziehung bedeutet in erster Linie: „Lernen am Modell“: Die Eltern leben den Kindern bestimmte Werte vor, etwa im Alltag, beim Sozialverhalten, bei der Konfliktbewältigung, beim Umgang mit der Umwelt, beim Umgang mit Medien, und beim Konsumverhalten. Ihre eigene Einstellung zum Leben, ihre Gelassenheit, ihre Aufgeregtheit, ihre Geduld oder Ungeduld spiegeln sich im Kind wieder und werden von ihm verinnerlicht.
Erziehung ist gerade in der heutigen Zeit eine große Herausforderung.

  1. Die Schwierigkeit liegt vor allem darin, dass durch die Globalisierung die Welt eng zusammengerückt ist. Katastrophen, die im hintersten Winkel der Erde geschehen, werden durch unsere Medien verbreitet. Wir leben daher ständig im Angstmodus.
  2. Die Arbeitswelt ist stressig, Eltern müssen einen stressigen Beruf, Haushalt und Kinder unter einen Hut bringen. Außerdem müssen sie immer flexibel und mobil sein, was oft zu Überforderung führt.
  3. In der Kleinfamilie stauen sich Probleme häufig an. Es gibt niemanden in der Familie, der bei Konflikten ausgleichend wirken oder Probleme mittragen könnte.
  4. Bei Ein-Kind-Familien gibt es keine Geschwister, die sich gegenseitig unterstützen könnten. Das Austragen von Konflikten kann nicht in einem geschützten Rahmen gelernt werden.
  5. Durch den Alltagsstress sind die Menschen oft nicht mehr bei sich selbst. Sie sind fremdgesteuert durch die Vielzahl der Anforderungen, wodurch ein gewisses Bauchgefühl verlorengehen kann.
  6. Kinder werden nicht mehr ohne weiteres auf die Straße geschickt, wo sie früher ihre Lernerfahrungen machen, Sozialverhalten lernen und sich ganz einfach nur auspowern konnten.

Wenn die Eltern sich noch einen natürlichen Umgang mit sich selbst und ihrem Umfeld bewahren und den heutigen Anforderungen mit einem gesunden Menschenverstand begegnen können, wird dies auch auf das Selbstverständnis der Kinder übergehen. Wenn sie Ressourcen zur Bewältigung von Konflikten bei sich erkennen und nutzen, wenn sie eine gewisse Resilienz zeigen gegenüber den „Verführungen“ und den Problemen des Alltags, werden auch die Kinder davon profitieren, aktuell und im späteren Leben. Wenn sie noch eine gute Verbindung zu ihrem Bauchgefühl haben und dies in diversen Situationen sprechen lassen, dann wird das Kind auch manches Fehlverhalten der Eltern verzeihen.

Quellen / Literatur

Ahnert, L. 2010: Wie viel Mutter braucht ein Kind? Bindung – Bildung – Betreuung: öffentlich und privat, Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.

Bauer, J. (2005). Warum ich fühle, was du fühlst: Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone. Hamburg: Hoffmann und Campe.

Becker-Stoll, F., Niesel R., Wertfein, M. (2014). Handbuch Kinderkrippe. So gelingt Qualität in der Tagesbetreuung. Freiburg im Breisgau: Herder.
Grossmann, K. & Grossmann K. E.(2003). Bindung und menschliche Entwicklung. Stuttgart: Klett Cotta.

Grossmann, K. & Grossmann K. E.(2004). Bindungen – das Gefüge psychischer Sicherheit. Stuttgart: Klett Cotta.

Haug-Schnabel, G. & Bensel, J. (2006). Kinder unter 3 – Bildung, Erziehung und Betreuung von Kleinstkindern. Kindergarten heute spezial, Freiburg im Breisgau: Herder.

Sunderland, M. (2006). Die neue Elternschule. München: Dorling Kindersley.

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Birgit Heck-Schatten
Psychologische Beraterin,
Heilpraktikerin für
Psychotherapie