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6 | Kontinent des Lernens

6.4 Gehirngerechtes Lernen

Lesezeit: ca. 13 Minuten
Überblick
„Alles, was beim Lernen Freude macht, unterstützt das Gedächtnis“ Johann Amos Comenius (1592–1670)

Die Ergebnisse moderner Gehirn- und Lernforschung zeigen, dass es hinter erfolgreichem und freudvollem Lernen einige Wegweiser gibt. Gehirngerechtes Lernen heißt demnach, so zu lernen, dass Lernen Freude bereitet und als nachhaltiger Teil des Lebens angesehen wird. Viele Lerninhalte, wie Mathe und Chemie, stoßen in der Schule nicht bei jedem Kind auf offene Ohren. Dass dies nicht unbedingt mit dem Fach an sich zu tun haben muss, mit den Informationen, die wir daraus gewinnen, sondern von vielen Faktoren abhängt ist, findet sich heutzutage in vielen öffentlichen Diskussionen wieder. Wichtig ist zu verstehen, unter welchen Voraussetzungen Kinder gehirngerecht lernen, was sie suchen, wenn sie lernen und was es zu vermeiden gilt. Sich offen und leidenschaftlich mit einem Thema auseinandersetzen zu können und vorrangig auch selbstständig zu wollen, ist der erste Weg zur kindlichen Motivation. In diesem Land besprechen wir keine Lernstrategien, sondern Lernvoraussetzungen für ein gehirngerechtes Lernen. Denn Lernen, Gedächtnis und unsere Emotionen sind hirnanatomisch eng miteinander verbunden. Deshalb ist eine positive Einstellung zum Lernen die wichtigste Voraussetzung für Kinder.

Fakt aus der Forschung

Kinder sind durchaus bereit, die Leidenschaft und Begeisterung anderer zu teilen:

Heute wissen wir, dass die eigene (intrinsische) Motivation besser ist als eine von außen auferlegte (extrinsische) Motivation. Tun wir etwas, für das wir uns selbst entschieden haben, schenkt uns dies ein anderes Gefühl, als wenn wir etwas machen müssen, weil es uns jemand sagt. Doch wussten Sie, dass von außen angeregte Neugier – selbst bei langweiligem Schulstoff – die gleichen neuronalen Muster im Belohnungssystem anregt wie bei der eigenen (intrinsischen) Motivation?

Was heißt das im Umkehrschluss? Wer selbst begeistert von einer Sache ist, kann die Neugier seines Kindes anregen. Er weckt bei seinem Kind dieselbe Flamme; so, als würde das Kind sich selbst für die Sache interessieren.

Gruber et al. 2014 u. Kang et al. 2009, Polman et al. 2016, Schuster 2017: 65, Schirp 2012: 116f. Kraus 2012: 1152f

Was ist die Neurodidaktik?

In der Neurodidaktik fließen unterschiedliche Erkenntnisse aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zusammen. Das Ziel dahinter ist, förderliche – gehirngerechte – Lernvoraussetzungen zu schaffen. Berücksichtigt wird hierbei nicht nur die Idee, dass man Kindern genug Informationen geben muss, man sie also breit mit Wissen beliefert. Dieser Wissenschaftszweig blickt vielmehr tief hinter die Kulissen des Lernens, aus Sicht des Gehirns, seiner Arbeit und der kindlichen Ansicht über das Lernen. Der Anwendungsbereich der Neurodidaktik liegt eher in der Schule als im Zuhause, dennoch tragen viele der Aussagen wichtige Botschaften für das Familienleben in sich. Dass Kinder gerade in jungen Jahren Bewegung, Antrieb, Motivation und Sinn in ihrer Umwelt suchen, zeigt sich allein durch die Beobachtung eines Kindes. Lernen ist ein Prozess, der überall und jederzeit stattfindet. Denn eines kann unser Gehirn nicht: Es kann nicht nicht lernen.

Lernen, mehr als nur ein Wort

Lernen ist nicht einfach nur ein Wort. Es setzt verschiedene Fähigkeiten voraus, die, vereint die Gegebenheiten entstehen lassen, um sich Wissen anzueignen. Gehirngerechtes Lernen soll genau diese aufzeigen und dabei berücksichtigen, was die Forschung heute wie auch gestern zutage gefördert hat um zu zeigen, dass es Voraussetzungen für „förderliches“ Lernen gibt. Um eigene Interessen zu wahren, bedarf es mehr als Druck und Benotung, es bedarf einer Freude an der Sache – einer Lust am Lernen, denn nur dann schöpft ein Kind aus seiner inneren Motivation heraus. Gemeinsam wollen wir nun einen Rahmen um gehirngerechtes Lernen legen, denn es gibt wie immer kein fertiges Rezept, das zum Erfolg führt. Jedes Kind ist einzigartig, jeder Lernweg individuell – das, was Eltern und Kind gemeinsam vollbringen können, ist, gemeinsam eine Lernatmosphäre zu erschaffen, um darin Wissen, Freude und Gemeinschaft zu finden. Gelernt wird dann meist von ganz alleine.

  • NEUGIER ist angeboren: Kinder kommen als „kleine Forscher“ auf die Welt und erkunden (aktiv) ihre Welt und das, was ihnen (anregend) zur Verfügung steht bzw. gestellt wird.

  • Das kindliche „Ausprobieren“ (Lernen durch Fehler) unterstützt das Lernen bis ins hohe Alter (wenn eine entsprechende wertschätzende Fehlerkultur vorhanden ist, dies sozial „erlaubt“ ist, professionell begleitet wird und die Fehler nicht zu „stark“ sind).

  • Lernen ist nicht „nur“ ein kognitiver Prozess – es sind immer auch Emotionen beim Lernen beteiligt („Wer hat wann was wo gesagt und was hat es mit mir gemacht/bei mir ausgelöst?“).

Was nicht gehirn-gerecht ist Was das Gehirn liebt
Druck und Entmutigung
Lernen mit Geschichten/Büchern/Märchen
Contentisolierte Fakten ohne Bezug/Sinn/Bedeutung
Bedeutsamkeit und über das gelernte Sprechen können
Lernen unter Frust
Begeisterung
Nur auf Fehler zu achten
Stärken hervorheben
Ständiges kritisieren
Positive Lernerfahrungen
Ohne positive Rückmeldung zu lernen
Verstehen warum man etwas lernen muss
Langanhaltender Stress
akuter Stress, kurzzeitige Herausforderungen
Lernen ohne Bewegung
Bewegungsmöglichkeiten anbieten
Lernen ohne Vorbilder
Lernen am Modell (siehe Kontinent der Erziehung: Die Rolle als Vorbild

Eine sinnvolle und sinnreiche Beschäftigung stimuliert auf vielfache Weise das Gehirn eines Kindes

Das Gehirn wird unter verschiedenen Bedingungen vielfältig stimuliert. Mola und sein Vater, die gemeinsam ein kleines Sommerprojekt auf die Beine stellen möchten, bemerken dies nicht, doch sie befinden sich in einem riesigen Lernfeld für Mola. Details, die wir Kindern ohne Bedeutungskontext vorlegen, vergisst das Gehirn rasch. Einzelne Erlebnisse können dennoch unvergesslich werden. Sind Kinder besonders überrascht oder erleben etwas zum ersten Mal, kann dies zu tiefgreifenden strukturellen Veränderung ihres Gehirns führen.

PraxisBeispiel

Der Sommer steht vor der Türe und Mola (5), ein abenteuerlustiger und aufgeschlossener kleiner Mann, ist voller Tatendrang. Sein Papa hat sich eine besondere Idee einfallen lassen, um seine Begeisterung einzufangen, die er Mola nicht nur vorschlägt, sondern auch noch in eine abenteuerlustige Geschichte verpackt. „An einem nah gelegenen Fluss“, behauptet Molas Vater, „sollen vor vielen Jahren Piraten und Seefahrer vorbeigekommen sein und man sagt, dass sie ihre Schätze am Fluss verloren haben.“ „Wenn wir diese finden wollen“, so der Vater weiter, „müssen wir uns selbst ein kleines Floß aus altem Holz zusammensetzen, um den Fluss hinunterzufahren und die Schätze zu finden.“ Mola ist hin und weg von der Geschichte und würde am liebsten sofort beginnen. Doch vorerst muss ein Plan her. Der Plan, den Mola und sein Vater dafür vorbereiten, ist bereits die erste Aktivität, die nicht nur dazu führt, dass sie Tage später an den besagten Fluss fahren, um Treibholz zu suchen, sondern er führt von den ersten Überlegungen hin zu der Herstellung eines Modells. Mit Hand und Verstand lernen sie, ohne Vorkenntnisse, sich langsam von A nach B zu tüfteln, und sie haben dabei einen riesigen Spaß. Dabei lernen Mola und Papa etwas Essenzielles. Das Schönste, um gemeinsam etwas zu lernen, ist nicht zu büffeln, sondern seine Freizeit mit Beschäftigungen zu füllen, die einem Ziel folgen, Begeisterung schaffen und bei denen wir uns verbunden und zugehörig fühlen.

Hallass-Yvonne
Expertentipp
Yvonne Hallass

Gymnasiallehrerin für die Fächer Deutsch und Gemeinschaftskunde in Heidelberg

Tipps zum „gehirngerechten Lernen“

  • Gehirngerechtes Lernen besteht vor allem darin, den Schülerinnen und Schülern ihren Freiraum zu geben, in welchem sie sich ganz individuell entfalten können. Dazu ist es wichtig, pädagogische Situationen zu gestalten, in denen sie sowohl selbstständig arbeiten und sich mit anderen austauschen können als auch den fachlichen Input und die Wissensvermittlung durch eine Fachpädagogin/einen Fachpädagogen erhalten. Das nimmt die Lehrkraft aus dem Fokus, baut auf die Interessen der Schülerinnen und Schüler und fördert das selbstorganisierte Lernen.

  • Das Lernen und Leben in jahrgangsübergreifenden Gruppen ist ein wichtiger Faktor, um sich von anderen Schülerinnen und Schülern inspirieren und unterstützen zu lassen. So wird eine natürliche Heterogenität der Arbeitsgruppen gewährleistet, welche die unterschiedlichen Niveaus, Erfahrungen und Interessen der Schülerinnen und Schüler als einen gewinnbringenden Austausch darstellt und ihnen Raum lässt, sich in ihrem eigenen Tempo entfalten zu können.

  • Die Einbindung außerschulischer Lernorte und der Austausch mit Expertinnen und Experten stellt ein weiteres wichtiges Element für ein gehirngerechtes Lernen dar. So kann gewährleistet werden, dass die Schülerinnen und Schüler einen Lebensweltbezug herstellen können und, über den Lehrplan hinaus, gedacht, gearbeitet und gelebt wird.

  • Um die Schülerinnen und Schüler als denkende, fühlende und handelnde Individuen wahrnehmen zu können, ist es wichtig, sie zu motivieren, ihnen Verantwortung für ihr Tun zu übertragen und ihnen konstruktive und differenzierte Rückmeldungen zu geben, sodass der Fokus nicht auf Leistung und einem möglichen Druckaufbau liegt, sondern auf der Förderung eines kritischen und selbstreflektierenden Bewusstseins.

Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten. Lass es mich tun, und ich werde es können.

Bei einem solchen „Projekt Floß“, das nur eines von vielen Beispielen sein kann, trainieren wir (ohne tatsächlich bewusst zu lernen) viele kognitive Fähigkeiten. Das Arbeitsgedächtnis wird ständig beansprucht, das heißt:

  1. Molas Arbeitsgedächtnis ist ständig gefragt. Kurzzeitige Informationen zu speichern, um mit diesen arbeiten zu können, ist die Aufgabe des Arbeitsgedächtnisses. Mola erfährt, dass man längere und kürzere Hölzer benötigt, und er versucht, diese Informationen zu behalten und abzurufen. Er lernt, sich zwischen verschiedenen Aufgaben hin und her zu bewegen und sie mit vorherigen abzugleichen.
  2. Mola lernt auf vielfältige Weise seine Emotionen und Impulse zu kontrollieren – er übt Selbstkontrolle (eine weitere kognitive Leistung, die trainierbar ist). Denn immer dann, wenn er eigentlich schon lange fertig sein will, erinnert sein Vater ihn daran, dass sie für die richtige Fahrt auch eine richtige Vorbereitung brauchen. Er erklärt, dass man ohne Vorbereitung nicht zum Ziel kommt und den Schatz am Ende auch nicht findet – Mola lernt, sich zurückzuhalten und Belohnungen aufzuschieben.
  3. Molas körpereigene Glücksgefühle wie Dopamin wirken als Beschleuniger seines Lernprozesses. Botenstoffe werden im Gehirn freigesetzt, und Freude und Begeisterung sind unsere Namen für diese Funktionen innerhalb des Gehirns. Wie Dünger wirkt die Begeisterung, die beide miteinander teilen, wenn sie die ersten Handgriffe meistern. Kinder erfahren diesen Ausstoß von Hochgefühlen ständig, und sie lernen deshalb rasend schnell.

Bei jeder Aufgabe, die Kinder mit Interesse und Aufmerksamkeit vollbringen, sind sie in ständiger geistiger Bewegung.

  • „Wie habe ich das gerade gemacht?“
  • „Wozu hat mich gerade dieser Handgriff gebracht?“
  • „Wie macht das denn mein Gegenüber? Kann ich dort etwas abschauen?“

Für Molas Vater ist es wichtig zu verstehen, dass Wissen nicht übertragen werden kann, sondern nur im Gehirn eines jeden Kindes selbst erzeugt wird. Das heißt für Kinder, dass sie dabei sein müssen – selbst Hand anlegen dürfen, ihrem Entwicklungsstand entsprechen müssen und die Möglichkeit brauchen, ihren Körper und ihren Verstand einzusetzen. Dabei ist ein Lernprozess umso effektiver, je mehr Sinne dabei angesprochen werden. Das heißt: Ein kindliches Gehirn lernt ständig und ist kaum zu bremsen in seiner Lernfreude. Wichtig ist es jedoch, Interesse zu wecken und vielfältige Möglichkeiten bereitzustellen, die verschiedene Anreize zulassen. Dass Kinder dabei gerne in ihrer Fantasie angeregt werden, ist eine wunderbare Möglichkeit, um eine solche Aktivität in Glanz zu versetzen.

Spielen und Lernen gehen Hand in Hand

Bereits weit vor Schulbeginn eröffnen sich die ersten Lernfelder für Kinder. Mit zunehmender Gehirnreifung und täglichen neuen Erlebnissen fordern Kinder auf spielerische Weise ihre eigenen Fähigkeiten heraus. Für Kinder ist die Welt des Lernens, wie wir Erwachsenen sie kennen, eine unbekannte. Denn überall dort, wo sie Begeisterung und Bedeutsamkeit vorfinden, lernen Kinder, ganz ohne dass man sie dazu auffordern müsste. Für Kinder ist Lernen gleichzusetzen mit Spielen. Spielen bedeutet für Kinder lernen – und welches Kind spielt nicht gerne? Wie also unterstützt man die kognitiven Fähigkeiten eines Kindes beim Spielen, ohne es zu überfordern?

Wie begleitet man spielerisch die Entwicklung seines Kindes, ohne dabei die Kindheit zu verwaschen?

Dabei steht natürlich eines im Fokus. Vieles von dem, was Eltern gemeinsam mit ihren Kindern tun, trägt immer auch ein Stück Lernfeld in sich, vor allem in den Jahren, in denen Kinder ihre Welt erstmalig erkunden. Dann wenn Eltern sich einer positiven Lernatmosphäre bewusst sind, heißt dies nicht, dass nun alles nach „Plan“ verlaufen muss. Vielmehr kann man sich selbst zu den Voraussetzungen des gehirngerechten Lernens hinbewegen, um ganz natürlich die Interessen und Motivation seines Kindes zu beflügeln. Zwar kann niemand sein Kind zu einem Interesse zwingen oder treiben, doch zeigt sich, dass unter bestimmten Voraussetzungen die Chancen erhöht werden, Kinder in ein förderliches Lernfeld zu begleiten, in dem sie von ganz alleine Freude und Motivation entdecken.

Die Flamme der Begeisterung

Das Gehirn verarbeitet die eintreffenden Reize nach einem bestimmten Muster. Nur schwer kommt es daran vorbei, bei dem was wir erleben, nicht auch eine emotionale Bewertung miteinfließen zu lassen. Die Informationen, die wir aus unserer Umwelt aufnehmen, reisen zunächst durch das limbische System, wo sie eine emotionale Einfärbung erhalten. Ist dies interessant? Spannend? Beängstigend? Sicher oder unsicher? Erst danach reisen die Informationen zu unserem Cortex, der für analytisches Denken zuständig ist. Deshalb ist auch die Art und Weise, wie man Lerninhalte verpackt, entscheidend für Kinder, ob sie sich einem Thema zugewandt fühlen oder nicht. Positive Emotionen und Begeisterung führen also erst einmal dazu, dass wir uns mittreiben lassen von der Begeisterung des anderen.

Wer selbst für eine Sache brennt

Jeder erinnert sich daran, dass man bei dem Lehrer, der den Unterricht lebendig und frohsinnig gestaltete, gern lernte. Andere Lehrer wiederum, deren Begeisterung im Unterricht an keinem Tag durchschien, trieben auch die meisten Schüler nicht dazu an, sich für das Lernthema zu interessieren. Bereits vor Schulbeginn ist dies eine Lernregel für so vieles. Allzu oft entzündet die Flamme eines begeisternden Elternteils die des Kindes – Faszination lässt sich auch auf Kinder übertragen. Kinder haben bereits im Kindergartenalter die Möglichkeit, für die verschiedensten Dinge innerlich zu brennen, wenn sie in ihrer Motivation in ihrem selbstständigen oder gemeinsamen Erkunden unterstützt werden. Da Kinder das Verhalten ihrer Eltern gerne spiegeln, dient elterliche Begeisterung als Motor für die kindliche Lernfreude und wirkt im Gehirn durch den Ausstoß von körpereigenen Glücksgefühlen als Dünger für die Ausbildung neuer Netzwerke.

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Die zentrale Bedeutung unserer Emotionen liegt darin, wie sie unser Verhalten steuern. Ob motiviert oder nicht, hängt mitunter damit zusammen, ob wir negative Erfahrungen mit einem Bereich erlebt haben. In unserem Gehirn sind Belohnungsmaximierung oder Bedrohungsvermeidung als zentrale Systeme verankert. Unsere Emotionen sind meist schneller als unsere Versuche, sich vor ihnen zu verstecken. Dies liegt daran, dass fast alles, was wir erleben, eine emotionale Tönung von unserem Gehirn erhält. Emotionen haben stets die Kraft, einen Teil unseres Lebens einzufärben, und, wie viele Erwachsene heute noch wissen, die Schulzeit war nicht mit einem positiven Gefühlserlebens verbunden. Lernen sollte doch gerade deswegen zu einem Teil mit positiven Emotionen assoziiert werden. Emotionen haben die Aufgabe, unsere Zukunft zu einem gewissen Teil vorherzusagen und uns über potenzielle „Gefahren“ zu alarmieren. Doch in heutigen Zeiten ist es nicht die Gefahr vor einem wilden Tier, das Kinder in Alarmbereitschaft versetzt, sondern die Sorge, sich einem Lerninhalt mit Druck und Überforderung widmen zu müssen.

Angenehm oder unangenehm: Vereinfacht ausgedrückt speichern Kinder ihre Erfahrungen gemeinsam mit einer Emotion ab und assoziieren sie mit dem, was sie gerade tun. Nicht zu vergessen ist, dass die Emotionen eines Kindes zwar zu einem Teil vererbt, jedoch zum Großteil erlernt sind. Das heißt, Kinder lernen die Dinge zu vermeiden, bei welchen sie glauben und das Gefühl haben, nichts zu können. Dies hat auch immer mit der Bewertung zu tun, die Kinder dann erhalten, wenn sie sich mit einer Aufgabe beschäftigen. Deshalb sind soziale, authentische und kraftschenkende Rückmeldungen sehr wichtig für Kinder.

Kinder können also lernen, um zu vermeiden (Bedrohungsvermeidung):

Wird unter Angst, Panik, Druck oder fehlendem Vertrauen gelernt, führt dies zu anderen Vernetzungen im Gehirn als Lernen im Zusammenhang mit Freude, Wertschätzung oder Selbstwirksamkeit. Zwar kann lernen unter solchen Voraussetzungen „rasches Lernen“ fördern, jedoch sind die Kosten hoch: Stress, möglicherweise auch dauerhafter negativer Stress, der ständig den Körper durchflutet. Bei langanhaltendem Stress (hohe Cortisolausschüttung) finden Abbauprozesse im Gehirn statt. Es gibt also, auf lange Zeit gesehen, kaum etwas Unbrauchbareres als Druck, ob in der Schule oder im Elternhaus. Je früher Eltern dies verinnerlichen, desto zugänglicher, aber auch offener können Eltern und Kind über die Leistungen in der Schule (o. ä) kommunizieren. Was steckt hinter der kindlichen Unlust? Auch wenn Ihr Kind sich noch nicht in diesem Alter befinden mag, ist es wichtig, Erkenntnisse wie diese früh zu verinnerlichen um gemeinsam auf positiven Erziehungsgrundsätzen zu wachsen.

Kinder können lernen, weil es ihnen Freude bereitet; dies fördert dauerhaftes und kreatives Lernen (Belohnungsmaximierung):

Wird unter Freude, gelegentlichen Herausforderungen und punktuellen Reibungen gelernt, unterstützt dies die Dopaminausschüttung – Glücksgefühle setzen sich bei Erfolgen frei. Motivation und Neugier sind als angeborene Verhaltenssysteme in jedem Kind verankert; vor allem in vertrauensvollen Umgebungen lernen sie täglich neues hinzu. Die körpereigenen Glücksgefühle unterstützen die Informationsverarbeitung im Gehirn, die Aufmerksamkeitssteuerung, und führen zu besserem Lernen.

Wie kann man Lernen positiv gestalten?

  1. Kinder lieben es, wenn Erwachsene Begeisterung in sich tragen. Vor allem wenn Eltern mit ihren Kindern lesen, Märchen erzählen, gemeinsam tüfteln oder basteln und mit Aufmerksamkeit und Leidenschaft bei der gemeinsamen Aufgabe sind.
  2. Positive Emotionen und positive Einstellungen wie Ermutigungen und Verständnis sind beim Lernen weitaus stärkere Wegweiser als Entmutigung. Positive Rückmeldungen bieten dem kindlichen Gehirn Orientierung (Was mache ich gut? Darauf kann ich aufbauen!).
  3. Sicherheit ist Voraussetzung für das Gehirn, um sich seiner Umwelt zu „öffnen“ und fördert die Neugierde des Kindes.
  4. Viele Sinne ansprechen (die Natur ist hierfür der beste Ratgeber).
  5. Lesen ist ein wichtiger Grundbaustein für viele weitere Verstehensprozesse – gemeinsames Geschichtenlesen ist für Kinder nach wie vor ein gehirngerechtes Lernen.
  6. Bewegung fördert das körperliche und geistige Gleichgewicht. Tanz, Musik und Sport sind mitentscheidend für die neuronalen Verknüpfungen, die die Feinmotorik mit anleiten.
  7. Vermeidung von Stress, Druck, Frust und Überforderung – alle verhindern langfristige Lernlust.
  8. Förderung von positiven Emotionen – Spaß und Freude verursachen im Gehirn körpereigene Glücksgefühle, sprich förderliche Lernbegleiter.
  9. Sinn vermitteln. Zusammenhänge werden dann verstanden, wenn man nicht über Kinder hinwegerzählt, sondern sie an den Inhalten und dem dahinterliegenden Sinn teilhaben lässt.
  10. Selber Hand anlegen. Fehler gehören zu jedem Fortschritt.
  11. In der Natur im Freien, dort, wo viele Sinne angesprochen werden.
  12. Ruhe – Anspannung – Bewegung. Lernen funktioniert dann am besten, wenn alle Bereiche im Gleichgewicht sind.
Fakt aus der Forschung

Psychischer Druck

Wir wissen, dass physische Gewalterlebnisse „bleibende Schäden“ im Gehirn hinterlassen. Doch wussten Sie auch, dass psychischer Druck („Du schaffst diese Klausur nie! Ich wusste, dass Du wieder eine fünf schreibst!“) oder auch (regelmäßiger) Stress die gleichen Degenerationsprozesse im Gehirn lostritt?

Schuster 2017: 57f., Vachon et al. 2015., Cierpka 2015, Egle 2015: 67ff. U. 2012 u. Korte 2011, Putwain/ Symes 2010

Mit anderen spielen stimuliert das Gehirn

Das Gehirn ist ein soziales Organ. In der Gemeinschaft lernen Kinder, durch kommunikative Gesten, durch sozialen Austausch, durch die gemeinsame Aufmerksamkeit, die auf etwas gerichtet wird, ihre sozialen Fähigkeiten anzuwenden und zu stärken. Dies kann bereits vor Schulbeginn durch Eltern begleitet werden. Kooperatives Lernen ist eine ganz eigene Lernform und zeigt sich als sehr fordernd und ertragreich bei der Entwicklung von Sozialkompetenzen. Denn jedes Mal, wenn man gemeinsam forscht, versucht und spielt, muss man ein Stück aushandeln. Was wird als Nächstes in Angriff genommen? Schau mal, was ist das, hast du das gesehen? Kannst du mir hier kurz helfen? Die Fähigkeit zuzuhören, mitzufühlen oder sich selbst an einen kleinen Spielplan zu halten, fördert solche sozialen Kompetenzen und stimuliert das sich entwickelnde Gehirn eines Kindes auf vielfältige Weise.

Fazit

Die Ergebnisse moderner Gehirn- und Lernforschung zeigen, dass es hinter erfolgreichem und freudvollem Lernen einige Wegweiser gibt. Gehirngerechtes Lernen heißt demnach, so zu lernen, dass Lernen Freude bereitet und als nachhaltiger Teil des Lebens angesehen wird.

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Hallass-Yvonne
Yvonne Hallass
Gymnasiallehrerin