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6 | Kontinent des Lernens

6.2 Selbstwirksamkeit

Lesezeit: ca. 16 Minuten
Überblick
„Ich kann das.“ „Ich bleibe dran, ich schaffe das.“

Jedes Kind möchte aus eigener Kraft etwas bewirken können und lernt in frühen Jahren der Kindheit durch aktives „Be-greifen“. Der Glaube und die Erfahrung, durch das eigene Handeln etwas zu vollbringen und, wenn es nötig wird, Hindernisse zu überwinden – sind Schlüsselerfahrungen. Kinder, die diese Erfahrung machen, erschließen sich Selbstsicherheit und Selbstwirksamkeit.

„Ich kann aus eigener Kraft Herausforderungen meistern.“
Selbstwirksamkeitserfahrungen werden somit Teil von Lernprozessen. Denn nur wer das Gefühl hat, seinen Handlungen einen Erfolg beizumessen, und daraus eine positive Erfahrung kreiert, nimmt weitere Anstrengungen auf sich. Deshalb finden wir Selbstwirksamkeit ganz im Sinne von Albert Bandura, der dieser Lerntheorie Leben einhauchte, im Land der Bildung.

Kinder auf der Suche nach Erfahrungen

Ob Kinder sich ihrer Umgebung öffnen, sich trauen, ohne Scheu und Zurückhaltung neue Wege einzuschlagen, Entdeckungen entgegenzulaufen und selbst Hand anzulegen, hat viel mit dem Glauben daran zu tun, sich selbst als wirksam zu erleben. Hinter Eigenschaften dieser Art stecken immer eine psychische Komponente (Kognition) und die Überzeugung, etwas bewerkstelligen zu können. Den Mut zu haben, Herausforderungen wahrzunehmen, ihnen entgegenzutreten und sich nicht von Misserfolgen anleiten zu lassen, all das zeigt sich als innere Einstellung. Dabei spielt die Selbstwirksamkeitserwartung eine große Rolle, sprich die Erfahrungen, die Kinder mit ihrem eigenen Handeln und der Erwartung machen, die sie sich dabei selbst zuschreiben. Vereinfacht gesprochen, zeichnen sie sich durch innere Einstellungen und Gedanken aus, die wir auf uns selbst projizieren, doch auch durch solche, die wir von außen (sprich von unserer Umwelt) aufgetragen bekommen.

Die zentrale Frage im Land der Selbstwirksamkeit aus Sicht des Kindes:

Übersetzen wir dies in die Kinderwelt (als Beispiel):

Die Antwort auf diese Fragen entscheidet darüber, ob Kinder ihren Handlungen Erfolg beimessen. Wer von Beginn an denkt:

„Ich schaffe das nicht“, hat sich bereits einer selbst erfüllenden Prophezeiung ausgesetzt. Dies ist ein Merkmal für eine geringe Selbstwirksamkeitserwartung. Wer dagegen positiv und optimistisch an eine Herausforderung herangeht, kann durch eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung die sprichwörtlichen Berge versetzen.

„Ich schaffe das. Ich bin selbstwirksam“

Dies ist nicht nur in den Tagen der Kindheit, sondern auch im späteren Leben ein Zeichen von Stärke und fällt deshalb auch in gewisser Weise mit unserem Land (Resilienz im Kontinent der Kinder) zusammen. Dazu zählt, dass wir überzeugt sind, auch in schwierigen oder neuen Situationen etwas leisten zu können. Wir „erwarten“ von uns selbst, dass wir ein Problem lösen können. Weil wir unsere Fähigkeiten, aber auch die äußeren Umstände richtig einschätzen können und wissen, welche Ziele wir erreichen möchten. Selbstwirksamkeit beschreibt dementsprechend nicht den allgemeinen, grundsätzlichen Glauben an sich selbst (Selbstvertrauen), sondern bezieht sich auf einzelne Situationen und Bereiche. Selbstwirksamkeit bezieht sich dabei auch auf eine realistische (aber positive) Einschätzung der eigenen Fähigkeiten – und steht so im Gegensatz zur Selbstüberschätzung.

Drei Kinder – ein Ziel

Alle drei haben die Aufgabe, einen Turm aus Steinen zu bauen, die sie im Rahmen eines Waldspaziergangs gefunden haben. Diese Aufgabe können die Kinder ganz unterschiedlich lösen, je nach ihren individuellen Fähigkeiten, Einstellungen und ihrem Glauben an sich selbst.

  • Kind 1 beschließt, einfach draufloszulegen. Fällt ein Stein herunter, nimmt es die restlichen Steine gleich mit und beginnt von vorne. Es weiß, dass es das irgendwann schafft.

  • Kind 2: Beim ersten Mal, als der Steinturm zusammenbricht, ist die Ungewissheit groß. Alle anderen scheinen mehr Spaß dabei zu haben. Klappt der nächste Versuch nicht, wird aufgegeben.

  • Kind 3 nimmt sich viel Zeit, bis es überhaupt den ersten Stein auf einen anderen legt. Zu selten wurde mit solchen Formen hantiert, es fühlt sich anstrengend an. Das Kind steht auf, dreht sich um, ohne überhaupt begonnen zu haben.

Kinder, die an sich selbst glauben, haben oft bereits gewisse positive Selbstwirksamkeitserfahrungen hinter sich. Manchmal ist es auch der soziale Druck, der einem zeigt, dass andere bereits etwas besser können als man selbst. Allein durch solch innere Einstellungen können Lust und Unlustgefühle, Motivation und Demotivation, Überzeugung oder Versagensängste entstehen. Je nach Kind und Situation ist deshalb immer ein gewisses Maß an Beobachtung notwendig, um die Gefühlswelt eines Kindes zu deuten – obwohl die Kinder doch meist ziemlich deutlich zeigen, wie sie sich fühlen.

hohe Selbstwirksamkeit geringe Selbstwirksamkeit
wählen anspruchsvolle, aber realistische Ziele aus
wählen meist zu leichte oder (interessanterweise) auch zu schwere Ziele
zeigen eine höhere Ausdauer, verfolgen Ziele hartnäckiger
zeigen eine höhere Ausdauer, verfolgen Ziele hartnäckiger
halten an ihren Zielen fest, wenn sie diese zunächst nicht erreicht haben
wählen leichtere Ziele, wenn sie Ziele nicht erreicht haben
erhöhen ihre Anstrengung, wenn Ergebnisse nicht gut genug sind
reduzieren die Anstrengung, wenn Ergebnisse nicht gut genug sind
sind bei negativen Ereignissen robust
geben bei negativen Ereignissen schnell auf

Selbstwirksamkeit als psychische Ressource kennenlernen

Der Begriff Selbstwirksamkeit kursiert in aller Munde und wird oft als Ressource kindlicher Entwicklung genannt, doch welche Tiefe sich hinter diesem Begriff verbirgt, wird dabei oft, auch aus Gründen der Verständlichkeit, hintangestellt.

Gemeinsam wollen wir nun einen Blick auf dieses sensible Konstrukt werfen, damit nicht nur Ihr Kind von den Erkenntnissen profitieren kann, sondern auch Sie einen Einblick in das Konzept der Selbstwirksamkeit erlangen.

Die Selbstwirksamkeit im Überblick

Die Theorie dahinter ist in der sozial-kognitiven Lerntheorie verankert und wurde bekannt durch Albert Bandura, einen kanadischen Psychologen.

Selbstwirksamkeit ist ein psychologischer Begriff und hinter dieser Bezeichnung steckt vereinfacht ausgedrückt:

Alfred Bandura glaubte, dass wir uns ohne die Überzeugung, eine Handlung mit Erfolg durchführen zu können, gar nicht erst die Mühe machen, den Weg zu gehen. Ohne Überzeugung, ohne Selbstwirksamkeit keine Handlung. Dies hat nicht nur im spielerischen Sinne seine Bedeutung, vielmehr sind dies erste Lernerfahrungen.

Anders ausgedrückt:
Hat ein Kind die Gewissheit, eine schwierige Aufgabe zu meistern und aus eigener Kraft bewältigen zu können, trägt es die Schlüsselkompetenz Selbstwirksamkeit in sich. So beschreibt die Selbstwirksamkeit die Folgen des eigenen Handelns, beispielsweise wenn das Kind zu sich sagt:

Natürlich hat dies auch damit zu tun, wie oft eine Sache wiederholt wird – Durchhaltevermögen und Motivation sind vom Kind ausgehende Eigenschaften, die jedoch unterstützt und begleitet werden können, worauf wir später näher eingehen werden.  Sie stärkt Motivation und Willenskraft und fördert anspruchsvolle Zielsetzungen, Anstrengung, Ausdauer und Leistung. Daraus wächst nach und nach eine Überzeugung von der Wirksamkeit eigener Fähigkeiten und Anstrengungen. Kinder lernen aus der Beobachtung viele Strategien für den Umgang mit Problemen. Im Land der Selbstwirksamkeit ist es die Aufgabe, mit Unterstützung der Eltern zu lernen, am Ball zu bleiben und Herausforderungen positiv entgegenzutreten.

PraxisBeispiel
Schauen Sie sich folgendes Beispiel mit der vier Monate alten Raja an, die ihre ersten Selbstwirksamkeitserfahrungen macht: Die vier Monate alte Raja liegt in ihrem Bettchen und scheint ganz munter zu sein, ihre Bewegungen werden stets kontrollierter, nachdem sie anfänglich rein reflexgesteuert waren. Über dem Bett von Raja hängen verschiedene Tierchen, Fabelwesen und zwei kleine Glöckchen. Was sie langsam zu verstehen beginnt, ist, dass es zwischen ihrer Handlung, immer dann, wenn sie mit den Händen an die Glöckchen kommt, und der Wirkung, dem Geräusch, das dabei entsteht, einen Zusammenhang gibt. Diese Funktionslust, sprich die Freude am Effekt, dass etwas funktioniert, ist eine ganz menschliche. Im Alter von zwei bis vier Monaten lernt sie und erlangt eine Vorstellung davon, dass sie Objekte außerhalb ihres Körpers selbst kontrollieren kann. Sie entwickelt ein Verständnis von Ursache und Wirkung.
Ursache: Ich berühre die Glocke. (Funktionslust)
Wirkung: Es kommt ein Geräusch. (Ich bin selbstwirksam)
Wenn dann meine Eltern diesen „Erfolg“ mit mir teilen, wenn ich das Glöckchen zum Läuten bringe, oder auf meine Lautäußerungen reagieren, dann erfahre ich als Säugling die höchste Form der Selbstwirksamkeit.
„Ich tue etwas, es bewirkt etwas und meine Umwelt ermutigt mich sogar dabei und nimmt mich wahr.“ – Ich bin wohl selbstwirksam – beim nächsten Mal schaffe ich das wieder – eine Schlüsselerfahrung.
Tipp: Häufig, direkt und regelmäßig Feedback zu erreichten Fortschritten geben.

Die Familienwelt ist ein Umfeld, in dem das Kind die Möglichkeit hat, sich aktiv und selbstständig mit Herausforderungen auseinandersetzen zu dürfen, und bestenfalls dabei ermutigt wird, neue Aufgaben zu lösen.

Selbstwirksamkeit entsteht zwischen dem Kind und der Handlung und ist eine wichtige innere Einstellung, die uns zeigt, dass Kinder (Menschen im Allgemeinen) ein Verhalten erst dann aus freiem Willen zeigen, wenn sie überzeugt sind, dass das Ergebnis positiv ausfallen wird.

Zwischen der eigenen Person und der Umwelt besteht ein Unterschied

Bevor wir in die Praxisbeispiele und die Unterstützungsmöglichkeiten eintauchen, werden wir uns die Entwicklung vom Säugling zum Kleinkind in Bezug auf die unterschiedlichen Selbstwirksamkeitserfahrungen anschauen. Denn Selbstwirksamkeitserfahrungen finden sich bereits im Säuglingsalter wieder. So beginnen Säuglinge frühestens im Alter von 7 Monaten, ein Verständnis von Ursache und Wirkung zu erlangen. Dafür benötigt es eine geistige Reife, die erfahren lässt, dass zwischen dem eigenen Körper und äußeren Objekten abgegrenzt werden kann.

Die Säuglingserfahrung lehrt, zwischen der Handlung (Ursache) und dem Ereignis (Wirkung) zu unterscheiden:

  • Ich bewege meine Hand zur Rassel (Ursache) – es ertönt ein Geräusch (Wirkung). Wir werden hierauf später tiefer eingehen, um auch zu erfahren, wie wir dies unterstützen können.

Im Alter von 18–24 Monaten entwickelt sich nach und nach das Ich-Bewusstsein eines Kindes – es erkennt sich dann im Spiegelbild wieder. Diese Entwicklung ist mitentscheidend dafür, dass man seine eigenen Handlungen mehr und mehr „begreifen“ kann. Kinder lernen dann allmählich, dass sie Auslöser bestimmter Ereignisse sind, was Eltern immer wieder daran sehen, dass Kinder etwas ständig wiederholen. Beispielsweise am Essenstisch, an dem sie gerne Sachen wieder und wieder auf den Boden werfen. Sie lernen dann, dass sie etwas in ihrer Umwelt auslösen können, dabei achten sie auf Reaktionen ihrer Eltern. Im Alter von 3–4 Jahren bemerken sie, dass sie nicht nur etwas bewirken, sondern auch mit einer gewissen Form der Anstrengung und Motivation Ziele erreichen können – die Selbstwirksamkeitserfahrungen werden somit stets ausgeweitet.

Von Beginn an haben Kinder somit eine positive Selbstwirksamkeitserwartung, die sich jedoch mit zunehmendem Alter immer mehr an die tatsächlichen Fähigkeiten anpassen wird – sie werden realistischer. Dennoch bleiben Kinder stets neugierig und wollen versuchen und ausprobieren, auch wenn sie dabei die Sicherheit und Ermutigung der Eltern suchen.

Das Kleinkind auf der Suche nach Selbstwirksamkeit
In etwa ab der Mitte des zweiten Lebensjahres wollen die Kinder mehr und mehr Kontrolle über ihr eigenes Handeln übernehmen und zeigen das auch, beispielsweise dann, wenn es um die „Verhandlung“ im Rollenspiel oder um die Aushandlung von Spielregeln geht. Um selbstwirksam sein zu können, bedarf es der Erkenntnis des eigenen „Ich“, man muss verstehen, dass das, was „Ich“ tue, etwas bewirken kann. Was auch deshalb stets vielfältiger erfahrbar wird, weil die Sprachkompetenzen der Kinder weiter zunehmen und die Ausdrucksmöglichkeiten sich erweitern. Sie lernen auch, die Taten und Handlungen auf sich selbst zu beziehen:

Ich und Mein

Jeder Mensch identifiziert sich mit seinen Taten und Handlungen, genau deshalb ist es wichtig, dass jedes Kind das Gefühl hat, bei seinem Tun auch Erfolge zu erlangen, wenn es für das Kind denn etwas Bedeutsames ist. Eltern können ihr Kind jederzeit ermutigen, wahrnehmen und auch dafür loben, dass es etwas gut gemacht hat – Lob und Aufmerksamkeit werden nie verstaubte Erziehungsmittel werden (hierzu später mehr).

PraxisBeispiel

Simon wird heute vier Jahre alt und hat seine Freunde und Freundinnen aus der Nachbarschaft und dem Kindergarten zu sich eingeladen, um gemeinsam seinen Geburtstag zu feiern. Nach den ersten Eingewöhnungsminuten scheinen alle Kinder miteinander zu spielen und toben gemeinsam in feierlicher Geburtstagsmanier. Verschiedene gemeinschaftliche Tätigkeiten stehen auf dem Tagesplan. Gemeinsames Malen, allerlei Farben, Pinsel, Stifte und Vorlagen stehen zur Verfügung. Simon beginnt voller Begeisterung und möchte unbedingt den Hasen malen, den er aus seinem Bilderbuch kennt. Die meisten Kinder setzen sich um die vorbereiteten Maltische und fangen an, einen Hasen zu malen, den Simons Mutter als erste Bildidee vorschlägt. Simon beginnt die ersten Striche zu zeichnen. Doch sein Hase scheint nicht besonders nach einem Hasen auszusehen und die Begeisterung verfliegt ziemlich schnell, als er auf das Bild von Leandra schaut, die ziemlich treffsicher einen braunen Hasen malt.

Seine Stimmung verfliegt langsam. Simons Mutter bleibt das nicht unbemerkt, sie schaut sich das Bild an und sagt:

Simon jedoch sucht kein Hilfsangebot in diesem Sinne, für ihn ist das Bild nun eine Herausforderung geworden, die er nicht meistern kann, wie er glaubt. Er vergleicht sein Bild mit den Bildern der anderen Kinder und meint:

Was ist hier schiefgelaufen? Simon glaubt nicht daran, dass er das Bild so malen kann, wie er sich das vorgestellt hatte oder wie es die anderen Kinder machen. Er vergleicht seine Leistung mit der der anderen und der Vergleich gefällt ihm nicht. Einen Hasen zu malen, der wie ein Hase aussieht, stellt nun für Simon eine Herausforderung dar. Da er jedoch aufhören möchte, scheint seine Erwartung an seine Fähigkeit, dies zu schaffen, nicht besonders hoch.

Mama interveniert mit einem neuen (besseren) Versuch:

Dies ermutigt Simon wiederum, gleich einen weiteren Versuch zu starten, mit dem Gefühl:

Positive Selbstwirksamkeitserwartungen

Positive Selbstwirksamkeitserwartungen sollten nicht nur unterstützt werden, sondern es sollte auch versucht werden, negative abzubauen. Negative Selbstwirksamkeitserwartungen sind veränderbar, jedoch unterschiedlich robust, abhängig davon, wie komplex die damit verbundenen Bewertungsprozesse sind. So braucht es z. B. beim Klettern auf dem Spielplatz weniger Erfolgserlebnisse, um eine negative Erwartungshaltung in eine positive zu verwandeln, als beim Vortragen eines Musikstückes. Veränderungen erfordern jedoch so oder so Geduld und Zeit und vor allem: Erfolgserlebnisse.

  • „Dein Hase ist toll, du wolltest die Ohren weitermachen, soll ich dir einen Trick verraten, wie man die Ohren größer machen könnte?“

  • „Weißt du, einen Hasen zu malen ist nicht so einfach, du kannst ja stattdessen das Haus mit mir und Papa malen, das war so toll das letzte Mal!“

Wichtig ist, dass Simon ein Gefühl erhält, das ihm Folgendes mitteilt:„Ich bleibe dran, ich schaffe das.“

Rückmeldungen zum kindlichen Tun geben

Jedes Kind, jeder Mensch ist einzigartig und unterschiedlich und bewertet eine Situation durch seinen eigenen charakteristischen Hintergrund, seine Gefühlslage und emotionale Hintergründe unterschiedlich. Auch ob andere Personen in dem Moment dabei sind, spielt eine große Rolle. Denn selbst versuchte Handlungen können entweder erfolgreich sein und somit als persönlicher Erfolg erkannt werden, oder als Misserfolg abgestempelt werden. Die positiven Erfahrungen müssen überwiegen, um eine starke Bereitwilligkeit zu entwickeln. Sich stets für Neues anzustrengen oder zumindest den Mut zu haben, daran zu glauben, dass man selbst zu etwas fähig ist, wovon man vielleicht noch gar keine große Ahnung hat, ist eine Einstellung.

Während manche Kinder in ihren Handlungen ermutigt werden, erleben andere wiederum das Gegenteil. Die Unterschiede im Temperament lassen das eine Kind als „Macher und Draufgänger“ offen und aufgeschlossener gegenüber Neuem sein, während ein schüchternes Kind durchaus mehr Unterstützung und Zuspruch sucht. Selbstwirksamkeit ist eine Gesamterfahrung, die sich langsam entwickeln lässt, sodass die oben genannten Fragen stets mit kindlichem Mut beantwortet werden können.

  • Ich bewege meine Hand zur Rassel (Ursache) – es ertönt ein Geräusch (Wirkung). Wir werden hierauf später tiefer eingehen, um auch zu erfahren, wie wir dies unterstützen können.

Konstruktive Rückmeldungen

Natürlich hat dabei die Rückmeldung der Eltern eine zentrale Wirkung auf die Ansichten eines Kindes. So wie auch Beurteilungen und Benotungen aus der Schul- und Berufswelt uns entweder beflügeln oder ungerecht vorkommen, empfinden auch Kinder ihre Handlungen stets als Teil ihrer Person. Deshalb sind Lob und Kritik ein Teil dessen, was Kinder in ihr Selbstbild aufnehmen. Gezieltes Loben zeigt dem Kind, dass sein Handeln anerkannt wird. Es gilt dennoch, ein konstruktives und authentisches Lob von einem überschwänglichen zu trennen. Kinder bemerken im Kleinkindalter bereits, ob das Lob ernst gemeint ist und mit tatsächlichem Erfolg verbunden ist. Entscheidend ist es, konkrete Dinge anzusprechen, die gut gelungen sind.

Wichtig ist deshalb, nie die Person selbst zu kritisieren:

Gelungener ist es, die Handlung zum Objekt der Bewertung zu machen, nicht das Kind selbst, dann darf man auch „konstruktive Kritik“ äußern:

  • „Jetzt ist es nicht gelungen, das Flugzeug zu basteln, aber wir können es später noch einmal zusammen probieren, wenn du möchtest.“

Damit bekommt das Kind kein Gefühl von „Ich kann das nicht“, sondern versteht besser, seine Fähigkeiten einzugrenzen. So kann ein Misserfolg auch als notwendiges Element auf dem Weg zum Erfolg angesehen werden. Denn dass das Flugzeug nun nicht gelungen ist, kann damit untermauert werden, dass bereits viele andere Versuche gelangen. Dabei kann man Erfolge seines Kindes ins Gedächtnis rufen:

  • „Erinnerst du dich, wie gut das letzte Flugzeug flog? Wir schaffen das später bestimmt.“Gute, hilfreiche Kritik ist sachlich und nicht persönlich, einfühlsam und nie verletzend. Auch die Mühe, die sich ein Kind gibt, kann anerkennend unterstützt und somit positiv ins Licht gerückt werden:

  • „Das hast du toll gemacht toll gemacht, mir gefällt es sehr gut, wie lang hast du denn dafür gebraucht?“

Kinder, die sich selbst als nicht selbstwirksam erleben, haben oft umgekehrte Erfahrungen gemacht. Typisch ist dabei das Gefühl, dass bei Misserfolg negative Bewertungen folgen, angelehnt an die Kritik der Person.

Kannst du das nicht alleine? Also komm schon …
Vor allem schüchterne und zurückhaltende Kinder brauchen Unterstützung mit Zuspruch und Lob. Dabei ist es nicht verwerflich, einmal ein Auge zuzudrücken (falls etwas nicht perfekt wurde) und die Erfolgserlebnisse eines Kindes entweder direkt zu benennen, oder die Mühe, die sich ein Kind gemacht hat, zu respektieren.„Wenn etwas nicht gut gelaufen ist, sprechen wir darüber. Ich mache keine große Sache daraus, jeder macht mal etwas falsch. Zusammen überlegen wir, wie sie es das nächste Mal besser machen kann oder warum es schiefgegangen ist.“ – Selbstwirksamkeit

Misserfolge

Misserfolge können für Kinder frustrierend sein, dennoch gehören sie zum Lernfortschritt dazu. Zu lernen, dass nicht jeder Anlauf ein Treffer sein kann, ist eine menschliche Lernerfahrung. Wir müssen es versuchen, irren und es mit neuen Fähigkeiten nochmals versuchen. Wie schon erwähnt, ist es wichtig, den Misserfolg von der kindlichen Person zu trennen, schließlich will sie ihre Selbstwirksamkeit trainieren und nicht durch negative Bewertungen auffallen. Stellt sich Frust ein, können Eltern das Kind begleitend unterstützen. Dabei sollen sich Kinder von ihren Unsicherheitsgefühlen befreit fühlen, indem man ihnen mit Ermutigung und einem Gefühl von Geborgenheit entgegentritt. Kinder sind sensible Wesen und nehmen auch ihre eigene Enttäuschung über nicht gelungene Versuche, beispielsweise beim Spiel, wahr. Kinder erleben ihren eigenen Misserfolg, was zur Reduktion von Selbstwirksamkeit führen kann. Wichtig ist es demnach, begleitend darauf zu achten, dass sich kindliche Herausforderungen auf dem Spielplatz oder am Familientisch an den Entwicklungsstand eines Kindes anpassen. Dabei lernen sie Erfolg und Misserfolg kennen und beginnen damit, die Wirkung ihrer Handlungen auf die Umwelt zu bewerten. In diesem Alter ist es typisch, Erfolg wie Misserfolg auf die eigene Leistung zu beziehen: Kann ein Ergebnis durch die eigene Handlung erreicht werden, empfinden Kinder das als persönlichen Erfolg. Ebenso sehen sie es aber als persönlichen Misserfolg, wenn sie scheitern und die gewünschte Wirkung ausbleibt.

Versuch, Irrtum und Lernen am Modell

Sehen Kinder ihre Eltern in schwierigen Situationen Herausforderungen meistern, hat dies Vorbildcharakter. Kinder lernen am Modell (Vorbild) und verinnerlichen die Strategien und Herangehensweisen, die sie beispielsweise bei ihren Eltern beobachten.

Kinder müssen ausprobieren

Für die Entwicklung kindlicher Fähigkeiten bedarf es der Übung. So werden unzählige Versuche herangezogen, um dem Vorbild auf zwei Beinen zu gleichen, bis der erste Stand auf zwei Beinen gelingt. Wir lernen durch Versuch und Irrtum – als Kind, als Erwachsener. Endet der Versuch in einer Lösung oder positiven Erfahrung, findet er Anklang oder wird bemerkt, erzeugt er eine Wirkung und zeugt von Erfolg. Ein großer Bildungsfehler ist, Irrtümer aufzudecken und Versuche nicht genügend zu berücksichtigen. Es scheint tatsächlich noch gängig, auch in Schulen, Angst als Quelle der Fehlervermeidung zu nutzen, das mag funktionieren – es erhöht die Aufmerksamkeit, bringt aber auch Kollateralschäden mit sich.

Was wir als Familie, Gesellschaft und Schule in jüngster Zeit zu verstehen lernen, ist, dass Kinder ohne den Versuch und den kommenden Irrtum nie etwas lernen werden. Von Anfang an etwas „richtig“ zu machen ist beinahe unmöglich. Der Versuch ist also, was wir unterstützen müssen und was dabei herauskommt, ist erst einmal in den Augen der Kinder nicht so wichtig. Wenn Kinder das Gefühl haben, dass, egal was sie anfassen, es immer eine Möglichkeit gäbe, es noch besser zu machen, dann verlässt sie irgendwann der Mut, selbst das Richtige zu entdecken.

Was Kinder viel mehr brauchen als die Aufdeckung um den Irrtum, ist die Unterstützung bei einem Versuch!

Sozialer Druck – ein Bild von den eigenen Fähigkeiten entsteht durch Zuschreibung von Mitmenschen

Die soziale Eingebundenheit in eine Gesellschaft, sei es in der Familie, im Kindergarten, in der Schule oder in einem Verein, ermöglicht es auch immer, einen Menschen mitzuformen. Andererseits spielt die Rückmeldung, die das Kind von seiner sozialen Umwelt bekommt, eine wichtige Rolle: Jedes Kind hat von Geburt an ein großes Bedürfnis, soziale Resonanz zu erleben. Aufmerksamkeit und anerkennendes Interesse an seinem Tun nähren seine Bemühungen, etwas zu meistern oder zu verstehen. Erlebt das Kind, dass ihm etwas zugetraut wird, vermittelt ihm das die nötige Sicherheit und Motivation, sich herausfordernden Aufgaben zu stellen. Das Zutrauen der anderen ist die Basis für das Selbstvertrauen gegenüber den vielfältigen Anforderungen, mit denen das Kind in den verschiedenen Entwicklungsphasen konfrontiert wird.Erwachsene können die kindliche Selbstwirksamkeitserfahrung zusätzlich unterstützen, indem sie konkret an gute, positive Erfahrungen erinnern und diese Erfolge hervorheben. An dieser Stelle zeigt sich, dass das soziale Umfeld auch die persönlichen Erfahrungen mitprägt. Die Überzeugung, selbst etwas bewirken zu können, basiert nicht nur auf eigenen Erfahrungen, sondern auch auf den Rückmeldungen aus dem Umfeld.

Leitfaden Handlung
Step by Step
Herausforderungen werden für Kinder klarer, wenn sie in ihre Einzelteile zerlegt werden. Das heißt, man muss die Kinder nicht vor die „große Aufgabe“ stellen, sondern kann ein bestimmtes Ziel definieren, um dieses dann Schritt für Schritt anzugehen.
Rückmeldung geben
Wir haben die Wichtigkeit von Rückmeldung bereits kennengelernt. Fortschritte dürfen gezielt angesprochen und gelobt werden. Auf diesem Weg erkennen Kinder auch die Fortschritte ihrer Fähigkeiten, was zum Selbstwirksamkeitsgefühl ungemein beiträgt (siehe Rückmeldung auf kindliches tun im Text)
Auswege bereithalten
Führt ein Weg nicht zum Ziel, heißt das nicht, dass alles erfolglos war – kein Grund aufzugeben. Was ist bereits gelungen? Was gelang in der Vergangenheit? Welche positive, unterstützende Nachricht halten wir bereit, welchen Ausweg gibt es für das Kind, um sich nicht demotiviert zu fühlen? Ich musste auch lange üben, wir schaffen das. „Das hast du bisher sehr gut gemacht, wenn wir die Schleife noch einmal üben, klappt es immer besser – sollen wir es einmal an einer großen Schleife (beispielsweise am Bademantel) versuchen?“ Auswege finden sich nicht immer, doch Teilfortschritte zu benennen ist meist möglich.

Botschaften senden

Das Wichtigste, was wir im Land der Selbstwirksamkeit tun können, ist, Botschaften zu senden. Dem Kind unsere Aufmerksamkeit schenken und versuchen, die Welt mit seinen Augen zu sehen. Was für uns bereits einfach und kinderleicht aussieht, ist vielleicht für das Kind, egal welchen Alters, das erste Mal selbstwirksam. Dabei hat das Ganze einen schönen Nebeneffekt, denn auch die eigene Einstellung wird dadurch modifiziert.

  • Wie sehr achte ich denn eigentlich auf die Fortschritte meines Kindes?

  • Wie sehr unterstütze und ermutige ich mein Kind bei den kleinen Zielen seines Lebens (im Spiel bspw.)?

Will mein Kind eigentlich, hat aber dennoch Sorge?
Dann sollten wir es ermutigen, zur Seite stehen, Mut machen – doch selbst handeln lassen und die Leistung beherzigen und loben, wenn es denn für das Kind eine Leistung war.

Geht es offen und neugierig auf die Dinge zu?
Dann traut es sich etwas, eine gute Eigenschaft – zeigen Sie Ihre Aufmerksamkeit, zeigen Sie, dass Sie sehen, wie mutig Ihr Kind ist.

Ist es zurückhaltend und möchte nicht, das Kind hat Angst?
Versuchen Sie zu ergründen, warum. Kein Druck sollte dabei vorherrschen, auch sollte man sein Kind nicht zwingen, eine Sache zu tun, um dann zu erhoffen, dass danach schon alles besser ist. Kinder bekommen sonst in den meisten Fällen eine noch größere Abneigung gegen die Sache.
Oft würde es das Kind dann tun, wenn es alleine wäre – unter Beobachtung, beispielsweise vor anderen Kindern, ist die Scham zu groß (Scham können Kinder im Alter von 3 Jahren durchaus empfinden).

Denkanstöße:

Versuchen Sie, die Perspektive Ihres Kindes einzunehmen. Die Erfahrungen, die Kinder machen, scheinen oft für uns alltäglich oder irrelevant – in den Augen eines Kindes sind sie jedoch erste Handlungserfahrungen. Mit solchen Erfahrungen identifizieren sich junge Kinder, sogar Erwachsene lassen sich davon vielfach beeinflussen. Sie sehen Kraft hinter diesem Thema, deshalb folgen direkt nach diesem Denkanstoß auch Anregungen zur Selbstreflexion.

Anregungen zur Selbstreflexion:

  • Gebe ich genügend realistische (authentische) Rückmeldungen zu den Erfolgen meines Kindes?

  • Bemerke ich, wenn mein Kind sich unsicher fühlt, und unterstütze es? Stehe ich zur Seite oder dränge ich?

  • Lasse ich dann meinem Kind Zeit auszuprobieren und zu wiederholen, lasse ich neue Erfahrungen zu?

  • Welche Interessen hat mein Kind? Kann ich hier seine aktuellen Interessen unterstützen?

Fazit
Eigenes Handeln fördern und unterstützen
Wie wir gesehen haben, ist Selbstwirksamkeit an das eigene Tun gebunden. Die Aktivitäten und die Räume, die Kinder benötigen, um diesen Entdeckungen entgegenzutreten, dienen als Anregung für Selbstwirksamkeitserfahrungen. Dabei geht es nicht darum, aufwendige Projekte ins Leben zu rufen, sondern alltägliche Situationen zu fördern, im freien Spiel, im alltäglichen Miteinander. Meist zeigen sich in unscheinbaren Alltagssituationen, in welchen ein Kind seine Selbstständigkeit ausleben kann, viele solche Felder, in welchen wir als Begleiter, ermutigender Helfer oder einfach nur Beschützer zur Seite stehen können, falls notwendig.

Bei der Auseinandersetzung mit den Anforderungen des Alltags lernt das Kind, sich selbst zu helfen. Dabei ist es wichtig, nicht voreilig einzugreifen, auch wenn der linke Schuh zuerst am rechten Fuß landet. Kinder sollen – vielleicht durch vielfältige Versuche – die Möglichkeit haben, ihrem Bedürfnis nach Autonomie und ihrer Kompetenz entsprechend zu handeln und dadurch beides erweitern zu können.

Quellen / Literatur

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Sonnleitner
Susanne Sonnleitner
Familylab-Seminarleiterin,
Naturpädagogin,
Familienpflegerin